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Ins Wochenende mit: John Adams

Ins Wochenende mit …

John Adams „Hit“ Short Ride In A Fast Machine, mit dem das WDR Sinfonieorchester im März sein Konzert „Mensch und Maschine“ beendete und am Sonntagabend sein diesjähriges Konzert beim Kölner Neue-Musik-Festival Acht Brücken (30. April bis 11. Mai) eröffnen wird.

Im Video erzählen John Adams und Michael Tilson-Thomas, Dirigent des auftraggebenden San Francisco Symphony Orchestra, kurz, wie es zur Zusammenarbeit und zur Entstehung des fanfarenartigen Eröffnungsstücks kam.

Im Puls – Neue Musik für das Festival Acht Brücken

Auch der WDR hat für sein Festivalkonzert „Musik der Zeit: Stop Nonstop“ Kompositionsaufträge vergeben, die am 4. Mai erstmals zu hören sein werden. So zum Beispiel fourchanniballads von Bernhard Gander und Vier Stücke für Solodrummer und Orchester von Andrew Digby/Hubert Steiner. Als Solist wird Dirk Rothbrust, Mitglied des Ensemble musikFabrik, zu hören sein.

Zuvor wird New York Counterpoint von Steve Reich erklingen, gespielt von WDRSO-Solo-Klarinettist Thorsten Johanns und Studierenden, und das Concerto (2000) für Klavier
und Orchester von Hans Abrahamsen, bei dem Tamara Stefanovich mit dem WDRSO konzertieren wird. Mit San Francisco Polyphony von György Ligeti ist ein weiterer „Klassiker“ der Neuen Musik im Konzertprogramm vertreten. Geleitet wird das Konzert von Jonathan Stockhammer.

Kurzum, ein echtes Schmankerl, mit dem das WDR Sinfonieorchester seine bereits seit über 60 Jahren bestehende Musik-der-Zeit-Konzertreihe fortsetzt. Für alle, die nicht vor Ort dabei sein können, überträgt WDR 3 das Konzert ab 20:05 live aus der Kölner Philharmonie.

Aprospos Schmankerl

Wer mit einer geballten Ladung Neue Musik nicht ganz so viel anfangen kann, kommt vielleicht beim WDR Rundfunkorchester auf seine Kosten, das dieses Jahr ebenfalls beim Acht-Brücken-Festival vertreten ist.

Es bringt am 11. Mai (dem letzten Festivaltag) ebenso technische Errungenschaften des 19. Jahrhunderts zum Klingen wie einen Kompositionsauftrag des WDR erstmals zur Aufführung: das Konzert für Schlagzeug und Orchester Dreammachine von Michael Daugherty, mit der großartigen Dame Evelyn Glennie als Solistin, hier in ihrem inspirierendem TED-Talk How to truly listen, in dem sie demonstriert, dass der Mensch nicht nur mit den Ohren hören kann:

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Live zu erleben ist sie im Konzert „Mensch und Maschine – Puls und Takt“ um 11 Uhr im WDR Funkhaus Köln, das am Montagabend (12.5.) auf WDR 3 gesendet wird.

Beide Konzerte können nach der Sendung 30 Tage lang im WDR 3 Konzertplayer nachgehört werden.

What Are Those Crazy Sounds In The New Classical Music? And How Does One Write Them Down?

Link: What Are Those Crazy Sounds In The New Classical Music? And How Does One Write Them Down?

Nick Danforth wirft in einem unterhaltsamen Artikel über die Notation Neuer Musik einen Blick ins Notenmaterial und präsentiert anhand von Klangbeispielen, wie die teils langatmig beschriebenen Spielanweisungen von den Musikerinnen und Musikern umgesetzt werden (sollen).

Sehr spannend!

(via Twitter entdeckt bei @inthetheatre)

Labyrinth: Boulez und Widmann in der Kölner Philharmonie

Das WDR Sinfonieorchester und seine Gäste boten am 10. Januar 2014 im ersten Musik-der-Zeit-Konzert im neuen Jahr sehr abwechslungsreiche und spannende Hörerfahrungen. Unter dem Titel „Labyrinth“ standen zwei Werke zeitgenössischer Musik auf dem Programm: der Dialogue de l’ombre double (1985) für Klarinette und Live-Elektronik von Pierre Boulez und Drittes Labyrinth (2008-13) des Komponisten und Solisten des Abends Jörg Widmann.

Jörg Widmann, für den der Klangrausch des Dialogue de l’ombre double während einer Aufführung in Straßburg ein Erweckungserlebnis bedeutete, gestand im Gespräch mit WDR-3-Moderator Michael Struck-Schloen während der Konzerteinführung, dass er ohne Pierre Boulez wohl kaum Komponist zeitgenössischer Musik geworden wäre.

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Jörg Widmann | Foto: Wikimedia Commons

Schattendialoge

Er interpretierte das Werk seines großen Vorbilds zu Beginn des Konzerts und trat dabei in Dialog mit sich selbst und den zuvor von ihm eingespielten Passagen, die sechs im Raum verteilte Lautsprecher wiedergaben. Ein Klangerlebnis ganz besonderer Art, vor allem gegen Ende des Stücks, als die Klänge omnipräsent wurden und durch den Saal wanderten. Eine beeindruckende Leistung von Jörg Widmann und Michael Acker und Sven Kestel vom Experimentalstudio des SWR, die  für die perfekte Klangregie sorgten.

Labyrinth-Trilogie

Befragt zu seinem eigenen Werk Drittes Labyrinth (2008-13), das im zweiten Teil des Konzerts uraufgeführt wurde, gestand Jörg Widmann, dass die vorangegangenen Stücke der Werkfolge zwar als Werke an sich funktionierten und Bestand hätten, ihm aber nicht labyrinthisch genug gelungen seien. Daher sei es ihm ein Bedürfnis gewesen, sich dem Thema nochmals zu widmen und mit der Auftragskomposition von WDR, Vara Amsterdam und Casa da Musica Porto seine Labyrinth-Trilogie zu vollenden.

Irrweg oder Ausweg?

Äußerst konzentriert und engagiert leitete Emilio Pomàrico das Orchester und die Solistin, die hervorragende Sopranistin Sarah Wegener. Ob es daran lag, dass Widmann sich dieses Mal beim Komponieren vom Zufall leiten ließ und ohne Plan arbeitete? Es gelang ihm nämlich tatsächlich, den Eindruck eines Labyrinths akustisch eindrucksvoll hervorzurufen. Inklusive einiger leidvoller Hier-war-ich-doch-schon-mal-Passagen, die beim Zuhören zwischenzeitlich den Mut sinken ließen, bald den richtigen Weg hinaus zu finden.

Das Orchester spielte in konzentrierter Höchstform, angetrieben von den exakten Schlägen Pomàricos, dem allerdings gleich eingangs der Taktstock aus der Hand wirbelte und – nicht nur zur Erheiterung des zahlreich vertretenen jungen Publikums – in hohem Bogen in Richtung der Zuschauerreihen auf den dort einzigen unbesetzten Platz schoss. Auch sonst war für Auge und Ohr sehr viel geboten, vor allem an ungewöhnlichem Instrumentarium und Spielweisen.

Absolut bewundernswert interpretierte Sarah Wegener ihren Part, indem sie, teils als Ariadne, teils als Sirene, während des Stücks durch den Saal wandelte. Traumwandlerisch sicher und glasklar traf sie die höchsten Töne bei den nicht zu knappen Einsätzen im Pianissomo, überzeugte an anderen Stellen durch Stimmgewalt und immer mit starker Bühnenpräsenz.

Insgesamt war die Uraufführung ein Erlebnis, das ich mir gerne ein wenig kürzer gewünscht hätte, aber so ist es nun einmal im Labyrinth: den Ausgang findet man meist erst, wenn man es schon nicht mehr zu hoffen wagt.

Künstlerische Antworten der nächsten Generation

Äußerst interessant an diesem Abend war auch die Präsentation der Arbeiten, die während des Projekts RESPONSE 2013 von Koelmusik und WDR 3 entstanden sind. Klassen der Jahrgangsstufen 5-12 von sechs Schulen hatten sich mit der Thematik und den Stücken des Konzertprogramms auseinandergesetzt.

Die musikalischen Ergebnisse Fata Morgana von SchülerInnen des Leverkusener Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums und Shadow’s Shade ihrer KollegInnen vom Kölner Humboldt-Gymnasium waren in der Konzerteinführung zu hören. Die bildnerischen Umsetzungen zu den Themen Labyrinth und Schatten waren und sind noch bis zum 3. Februar im Foyer der Kölner Philharmonie zu sehen:

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Ausstellung zum Projekt RESPONSE von Koelnmusik und WDR 3 im Foyer der Kölner Philharmonie | Fotos: WDRSOfan

Nachdem WDR 3 das Konzert aus der Kölner Philharmonie live übertragen hat, wird es am 17. Januar von Deutschlandradio Kultur nochmals gesendet.

Ins Wochenende mit: Boulez

Ins Wochenende mit …

dem Dialogue de l’ombre double (1985) für Klarinette und Live-Elektronik des französischen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez, mit dem das WDR Sinfonieorchester heute Abend sein erstes Konzert im neuen Jahr beginnen wird. Als Solist ist der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann gemeinsam mit dem Experimentalstudio des SWR zu hören. 

Im zweiten Teil des Musik-der-Zeit-Konzerts „Labyrinth“ wird das im Auftrag von WDR, Vara Amsterdam und Casa da Musica Porto komponierte Werk Drittes Labyrinth (2013) für Sopran (Sarah Wegener) und Orchestergruppen von Jörg Widmann unter der Leitung von Emilio Pomàrico uraufgeführt.

Abbey of Our Lady of Saint-Remy, Wallonia, Belgium, Foto: Luca Galuzzi

Labyrinth in der Klosterkirche Notre-Dame de Saint-Rémy im wallonischen Rochefort | Foto: Luca Galuzzi

Nach der Komposition von Zweites Labyrinth (2006), für das er mit dem Kompositionspreis des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg ausgezeichnet wurde, schrieb Jörg Widmann:

„Werkgruppen sind bei mir nie von langer Hand als solche geplant. Sie ergeben sich. Man schreibt ein Stück und spürt instinktiv, dass man mit einem Thema noch nicht fertig ist. Und steigt wieder in den Ring. Und weiß wieder nichts, beginnt wieder bei Null. Begibt sich auf labyrinthisch verschlungene Pfade. Vielleicht lauert hinter der nächsten Ecke eine Falltüre – oder es tut sich das Paradies auf. Die Möglichkeit des Letzteren ist es vielleicht, was einen immer wieder weitermachen lässt. Die Hoffnung, das neue Stück möge einen irgendwo hintragen, wo man noch nicht ist; es möge einen über sich selbst hinaustragen.“

Da die beiden Komponisten des Abends „nicht nur komponierende, sondern auch ausübende Musiker sind, gibt es zwischen ihnen seit Jahren eine produktive Arbeitsbeziehung“, heißt es in den Informationen zum Konzert beim Deutschlandradio Kultur (Leseempfehlung!), die sehr interessant und erstaunlicherweise wesentlich umfang- und aufschlussreicher sind, als die recht spärlichen Informationen auf den Seiten des WDR Sinfonieorchesters und von WDR 3.

„Widmanns Werke dirigierte Pierre Boulez schon zu einer Zeit, als der junge Komponist noch nicht gänzlich arriviert war. Und Boulez‘ Klarinettenmusik hat der Instrumentalist Widmann natürlich im Repertoire – so etwa den 1985 entstandenen „Dialogue de l’ombre double“ (Dialog des doppelten Schattens), in dem die Klarinette mit sich selbst, elektronisch gespiegelt, ins Gespräch kommt.“ [Deutschlandradio Kultur]

Mehr zur Beziehung der beiden Komponisten erfährt sicherlich, wer an der Konzerteinführung mit Jörg Widmann und Moderator Michael Struck-Schloen um 19 Uhr in der Kölner Philharmonie teilnimmt.

Ein Interview mit Jörg Widmann aus der gestrigen WDR-3-Sendung TonArt kann man hier nachhören.

WDR 3 überträgt das Konzert heute Abend ab 20:05 Uhr live. Eine Woche später, am 17. Januar, ist es um 20:03 Uhr nochmal im Deutschlandradio Kultur zu hören.