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Eurovision Young Musicians Contest: Fragwürdig oder nötig?

Foto: © WDR/Claus Langer

Am 3. September 2016 begleitete das WDR Sinfonieorchesters das Finale des Wettbewerbs Eurovision Young Musicians (EYM) 2016. Der Wettbewerb für europäische Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren wird seit 1982 von der European Broadcasting Union organisiert.

Wie schon vor zwei Jahren übertrug der WDR das Konzert im Fernsehen und auf WDR 3. Auf dem Roncalliplatz genossen im Schatten des Kölner Doms mehrere Tausend Menschen das zweistündige Konzert, das auf der EYM-Website im Livestream zu sehen war. Bei Twitter wurde das Konzert ebenfalls verfolgt und so lebhaft kommentiert, dass der Hashtag #EYM16 zeitweilig die Twitter-Trends in Deutschland anführte:

Im Gegensatz zum Eurovision Song Contest entscheidet beim EYM nicht das Publikum, sondern eine Fachjury über die drei Preisträger*innen. Beim diesjährigen Wettbewerb gewannen der polnische Saxophonist Łukasz Dyczko, der tschechische Pianist Robert Bílý und der Kontrabassist Dominik Wagner aus Österreich. Łukasz Dyczko erhält als Preisgeld 10.000 Euro, gestiftet von der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, und er darf nochmals mit dem WDR Sinfonieorchester auftreten.

Bei der Integration von Social Media geht noch was!

Ich habe das Konzert im WDR Fernsehen verfolgt und mich als passionierte Twitterin sogleich über die um 15 Minuten zeitversetzte Übertragung geärgert, die mich von einer Teilnahme an der regen Twitter-Diskussion ausschloss. Allerdings zähle ich mich mit meiner Vorliebe, mich über klassische Konzerte, die ich nicht live vor Ort erleben kann, während der Übertragung via Twitter mit anderen Interessierten auszutauschen – wie zuletzt beim formidablen hrSO-Open-Air-Konzert (#hrSOpenAir) geschehen – durchaus zu einer Minderheit. Diese Kritik sei also geschenkt.

Grundsätzlichere Dinge kritisiert allerdings Guido Krawinkel in seinem Artikel bei Musik heute, in dem er das Eurovision Young Musicians-Finale in Köln für fragwürdig hält und konstatiert: „Auf der Strecke blieb dabei die Glaubwürdigkeit der klassischen Musik.“

Fragwürdiger Wettbewerb?

Nanu? Diesen Eindruck hatte ich allerdings überhaupt nicht. Die Glaubwürdigkeit der klassischen Musik sehe ich persönlich – mit Verlaub – eher bei einem klassischen Konzert mit David Garrett als Solist in Gefahr, als beim Eurovision Young Musicians Contest.

Natürlich lässt sich die Art und Weise, wie dieser Wettbewerb ausgetragen wird, kritisieren. Man kann sich darüber streiten, ob vom Co-Moderator Daniel Hope zur Eröffnung „Geigenschnulzen“ vorgetragen werden sollten. Oder ob akrobatische Kunststücke mit oder ohne Instrument ins Programm gehören.

Ich hätte allerdings nach über hundertjährigen Errungenschaften der Musikethnologie nicht erwartet, dass die Darbietung der Meditation aus Thaïs des kroatischen Teilnehmers auf „bestenfalls folkloristischem Instrumentarium“ kritisiert wird und das Antreten gegen „unterschiedlichste klassische Konzertinstrumente“ thematisiert wird. Ich habe es stets als ganz besonderes Kennzeichen klassischer Musik erlebt, dass es keine Rolle spielt, ob ihre Melodien auf den „richtigen“ Instrumenten dargebracht werden, um Menschen zu berühren. Das kann selbst dann gelingen, wenn sie im Zirkuszelt auf einer singenden Säge erklingen, denn es kommt allein auf den Menschen hinter dem Instrument an, ob das Publikum erreicht wird oder nicht. Und um die Musik ging es dann doch hauptsächlich beim EYM-Finale. (Klassik-)Zirkus hin oder her.

Unseriöses Vorgehen?

Guido Krawinkel moniert weiters:

„Über Sieg und Niederlage musste die überaus prominent besetzte Jury in Köln nach gerade einmal sechsminütigen Vorträgen richten, die Open Air und elektronisch verstärkt absolviert wurden. Die Teilnehmer traten allen Ernstes mit so diametral unterschiedlichen Stücken wie einer Bearbeitung der ‚Meditation’ aus Jules Massenets Oper ‚Thaïs’ und der Carmen-Fantasie von Franz Waxman gegeneinander an. Letztendlich wurden hier Äpfel mit Birnen verglichen, ein im klassischen Bereich höchst ungewöhnlicher, um nicht zu sagen unseriöser Weg.“

Naja, hochkarätige Profi-Musiker*innen sind genau dazu in der Lage: innerhalb kurzer Zeit eine musikalische Darbietung beurteilen zu können. Nichts anderes tun sie auch beim Unterrichten. Und natürlich können sie auch Äpfel von Birnen unterscheiden und beurteilen, ob eine Birne Helene genauso gut serviert wird, wie ein Apfelkuchen, um im Bild zu bleiben. Es ging doch um die Musikalität und Darbietung bei Aufführungen klassischer Musik. Äpfel und Birnen wären es im Übrigen eher gewesen, wenn die jungen Künstler*innen Schlager interpretiert hätten.

Sichtbare und unsichtbare Klassik-„Wettbewerbe“

Selbstverständlich gibt es „seriösere“ Klassik-Wettbewerbe für junge Musizierende. So zum Beispiel den ebenfalls gerade stattfindenden Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Aber diese Wettbewerbe finden meist hinter verschlossenen Türen statt. Es erfahren nur wirklich Interessierte davon, die nach Informationen dazu suchen oder zufällig darüber stolpern. Der Eurovision Young Musicians Contest ist dagegen für ein breiteres Publikum sichtbar. Und genau das finde ich heute wichtiger denn je. Warum sollen junge Menschen, die sich von Gleichaltrigen dadurch unterscheiden, dass sie sich stundenlang dem Üben ihres Instruments und der klassischen Musik widmen, nicht auch eine Plattform im Mainstream-TV erhalten? Sollen sie lieber niveauvoll unsichtbar bleiben? Warum sollen sie nicht das TV-Niveau für zwei Stunden heben dürfen? Zumal eine „Wiederholungsgefahr“ höchstens alle paar Jahre besteht?

Der EYM vor und hinter den Kulissen

Ja, es war eine Show-Veranstaltung, auch im übertragenen Sinne. Aber im Gegensatz zu Superstar-Veranstaltungen, bei denen Juroren wie Dieter Bohlen den Daumen heben oder senken, haben die Teilnehmenden während ihres Aufenthalts in Köln bei Proben mit dem WDR Sinfonieorchester Erfahrungen mit einem der renommiertesten deutschen Radio-Sinfonieorchester sammeln dürfen. Ich bin mir sicher, dass die Begegnung und Zusammenarbeit mit den Orchestermusiker*innen und die Auftrittsmöglichkeit in diesem Rahmen, inklusive Übertragung in TV und Radio, zu den bleibenden Erlebnissen auf dem musikalischen Weg dieser jungen Menschen gehören werden. So oder so 😉

„Als ernstzunehmenden Wettbewerb kann man den EYM wohl kaum bezeichnen,“ schließt Guido Krawinkel. Tatsächlich nicht? Zumindest beim diesjährigen Jury-Vorsitzenden Julian Rachlin wurde seine EYM-Auszeichnung offensichtlich doch von einigen ernst genommen:

„1988 wurde ihm der ‚Eurovision Young Musician of the Year“-Preis verliehen, worauf eine Einladung zu einem Auftritt bei den Berliner Festspielen unter dem Dirigenten Lorin Maazel folgte. Unmittelbar darauf trat er mit den Wiener Philharmonikern unter dem Dirigenten Riccardo Muti auf — als bis dahin jüngster Solist. Während seiner darauf folgenden Karriere arbeitete Rachlin mit diversen namhaften Dirigenten in Europa und den USA zusammen […].“1

Zudem nehme ich an, dass die Teilnehmenden genau einordnen können, welchem Zweck welcher Wettbewerb dient.

Vielleicht wird der EYM-Drittplatzierte Dominik Wagner von seiner Teilnahme am ARD-Wettbewerb einen Tag später beruflich mehr profitieren als vom EYM. Aber wer außer den „Klassiknerds“ kennt denn bitteschön den ARD-Wettbewerb? Und selbst wenn der EYM ein „Show-Wettbewerb“ ist, lassen sich denn nicht auch hierbei wertvolle Erfahrungen sammeln? Ob der Gewinn beim EYM-Contest nur für Julian Rachlin nicht folgenlos geblieben ist, könnte Musik heute ja mal recherchieren.

Klassische Musik muss raus aus dem Feuilleton!

Es geht nicht darum, die Glaubwürdigkeit der klassischen Musik zu bewahren, es geht darum, dass sie überhaupt (noch) im Bewusstsein der „breiten Masse“ stattfindet.

Es gibt sehr viele Jugendliche, die mit Leidenschaft klassische Musik machen. Sie können nur nicht wahrgenommen werden, weil sie nirgendwo sichtbar werden. Damit möglichst viele Menschen ihre Kunst sehen, hören und miterleben können, gönne ich diesen jungen Künstler*innen möglichst viele und große Bühnen. Auch eine große Show-Bühne im Schatten des Kölner Doms mit einem Deckmäntelchen namens Wettbewerb.

Was ich an Veranstaltungen wie diesen kritisiere, sind Lippenbekenntnisse derjenigen aus Politik und Medien, die bei solchen und ähnlichen Anlässen von „Kulturauftrag“ reden, sich im kulturpolitischen Alltag aber nicht dafür einsetzen, dass dieser in Sonntagsreden als notwendig erachtete Kulturauftrag über ein Minimum hinaus erfüllt werden kann.

Die Glaubwürdigkeit der Klassik steht in meinen Augen nicht wegen EYM- oder anderen gerne kritisierten Klassik-Open-Air-Veranstaltungen, wie z. B. dem hrSO Open Air, das auf Facebook diskutiert wurde, auf dem Spiel. Sie wird von all jenen in Frage gestellt, die sich in entscheidenden (meinungs-)politischen Positionen nicht in der Verantwortung sehen, sich vehement für optimale musikalische Bildung und den Erhalt unserer Orchester- und Kulturlandschaft einzusetzen. Der Untergang der klassischen Musik droht aber gewiss nicht, weil ein kroatischer Bub auf großer Show-Bühne statt mit der Geige mit einer Tambura die Herzen seines Publikums erreicht.

  1. Wikipedia []
„Jansons reist – Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Südamerika“ in der BR-Mediathek (Screenshot 7.11.2013)

Filmtipp: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Südamerika

Hauptsache gut verpackt! Instrumente auf Reisen | Foto: stromo/Wikimedia Commons

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks war im Frühjahr 2014 auf Tournee in Südamerika und den Vereinigten Staaten. Begleitet wurde es vom Journalisten Eckhart Querner und vom Kameramann Peter Gillemot. In ihrem Film „Jansons reist – Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Südamerika“ haben sie festgehalten, wie eine Orchestertournee mit 120 Musikerinnen und Musikern abläuft. Der erste Teil des Titels irritiert ein wenig, da sich der Film nur an wenigen Stellen ausschließlich um den Chefdirigenten des BRSO, Mariss Jansons, dreht.

Von Wassergläsern, Steaks und grandiosen Konzerten

Wer wissen möchte, wie der Orchesteralltag auf Reisen aussieht und mit welchen Höhen und Tiefen das Orchester, Chefdirigent Jansons, Solistin Mitsuko Uchida und die Orchesterinspizienten während der Tournee konfrontiert waren, kann dies in 44 lebendig erzählten Minuten miterleben:

„Jansons reist – Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Südamerika“ in der BR-Mediathek (Screenshot 7.11.2013)
„Jansons reist – Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Südamerika“ in der BR-Mediathek (Screenshot 7.11.2013)

BR Fernsehen

Das Bayerische Fernsehen wiederholt den Film, der erstmals am 6. November um 23:25 Uhr gesendet wurde, am Sonntag, 9. November 2014, um 8:40 Uhr. Im Anschluss folgt der Mitschnitt des Konzerts des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks aus dem Teatro Colón in Buenos Aires.

BR Mediathek

Wer den Film später noch sehen möchte, muss sich beeilen, denn er ist nur noch bis zum 12. November 2014 in der BR-Mediathek  zu sehen. Dass er dann depubliziert werden muss und nicht mehr zur Verfügung steht, verdanken wir den Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Bundesländer, die diese 7-Tage-Regelung im 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag beschlossen haben.

Daheim und in der Welt zu Hause

Nicht nur das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, auch die anderen ARD-Rundfunksinfonieorchester gehen regelmäßig auf Tournee. Warum?
Sie zählen nicht nur hierzulande, sondern weltweit zu den Spitzenorchestern, die von internationalen Konzertveranstaltern gerne eingeladen werden. Bei ihren Tourneen sind sie als Kulturbotschafter unseres Landes unterwegs und erleben als Orchestergemeinschaft intensive Proben- und Konzerterfahrungen, von denen anschließend auch das Publikum zu Hause profitiert. Mit anderen Worten: Tourneen schweißen zusammen und formen die kollektive Erfahrung eines Klangkörpers. Dazu gehört leider auch die Erkenntnis, dass ein Orchester wie das BRSO zu Hause nur von Konzertsälen wie in Argentinien oder Brasilien träumen kann …

Das WDR Sinfonieorchester Köln tourte übrigens im Jahr 2000 vom 15.-27. November mit seinem damaligen Chefdirigenten Semyon Bychkov und dem Klaviersolisten Lev Alexander Vinocour durch Südamerika und Mexiko: Klassik meets Samba – das WDR Sinfonieorchester Köln auf Südamerika-Tournee.

Die nächste Konzertreise wird es mit dem Dirigenten Yutaka Sado vom 6.-23. Dezember 2014 nach Japan unternehmen. Im Gepäck die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven.

„Das Dvorák -Experiment – Ein ARD-Konzert macht Schule“ | Pressemitteilung ARD Radio & TV

Link: „Das Dvorák -Experiment – Ein ARD-Konzert macht Schule“ | Pressemitteilung ARD Radio & TV

Das klingt spannend! Die ARD stellte gestern ihr neues Projekt vor, bei dem am 19. September Schulklassen der Jahrgangsstufen 5-12 gemeinsam die 9. Sinfonie von Antonín Dvořák via Radio oder bei ARTE Concert als Video-Livestream erleben können:

„Die Sinfonie wird ab 11:15 Uhr live in allen Kulturradioprogrammen der ARD sowie im Deutschlandradio (Digitalkanal “Dokumente und Debatten”) ausgestrahlt“.

Titelseite der handschriftlichen Partitur von Dvořáks 9. Sinfonie

Antonín Dvořák, Sinfonie Nr. 9, Op. 95 (Facsimile) | Quelle: Wikimedia Commons

Das Education-Projekt „Ein ARD-Konzert macht Schule“ soll in Kooperation mit dem Deutschen Musikrat zukünftig regelmäßig angeboten werden. Das Pilotprojekt wird der Norddeutsche Rundfunk mit seinem NDR Sinfonieorchester unter Thomas Hengelbrock realisieren.

Ausführlich vorgestellt wird das Projekt auf der Seite schulkonzert.ard.de, wo auch alle Education-Programme der ARD-Orchester verlinkt sind, wie z. B. die PlanM-Reihe des WDR.

Bereits vorab bieten die ARD-Ensembles Projekte zum Mitmachen an, die sich mit Dvořáks 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ beschäftigen. Beim WDR wirds dabei jazzig, wenn Musiker der WDR Big Band von ihrem besonderen Zugang zu dieser Sinfonie erzählen. Ob das WDR Sinfonieorchester im Vorfeld dieser Aktion auch beteiligt sein wird, konnte ich noch nicht herausfinden, ich hoffe es allerdings sehr!

Gegen die Fusion der SWR-Orchester: Ein offener Brief von 160 Dirigenten

Link: Gegen die Fusion der SWR-Orchester: Ein offener Brief von 160 Dirigenten

Auf dem Papier sind zwei Orchester schnell fusioniert. Aber wie bei jedem lebenden Organismus, zu denen auch gewachsene Klangkörper zählen, sind Verpflanzungen und Amputationen immer mit Risiken verbunden, deren Kosten die Einsparungen bei Weitem übersteigen könnten.

Jukka-Pekka Saraste, der Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters, zählt zu den UnterzeichnerInnen des Offenen Briefes, mit dem sich 160 Dirigenten und Dirigentinnen gegen die für 2016 geplante Fusion des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg (SO) mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (RSO) aussprechen.