Klassik vorher-nachher (2): Bach goes America

Melodien sind wie das Wasser – sie finden ihren Weg. So haben viele „klassische“, teils jahrhundertealte Melodien ihren Weg wieder zu uns gefunden. Wie zum Beispiel der Choral O Haupt voll Blut und Wunden aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach, der heute vor 329 Jahren geboren wurde:

Seine Melodie aus dem 17. Jahrhundert fand 1973 den Weg in Paul Simons American Tune:

Johann Sebastian Bach ist allerdings nicht Schöpfer der Melodie, er hat sie selbst nur aufgegriffen. Sie gefiel ihm offensichtlich so gut, dass er sie nicht nur in der Matthäuspassion, sondern auch in seinem Weihnachtsoratorium (Wie soll ich dich empfangen) verwendete.

Entsprungen ist die Melodie der Feder des Komponisten Hans Leo Haßler (1564-1612), der sie 1601 im Lustgarten neuer teutscher Gesäng veröffentlichte. Wer sich nun wundert, was ein Choral im Lustgarten zu suchen hat, dem sei verraten, dass die Melodie zur Zeit ihres Ursprungs keinen religiösen, sondern den weltlichen Text Mein G’müt ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart begleitete:

Die Melodie dieses Liedes über eine unerhörte Liebe fand in Form mehrerer Kirchenlieder Verbreitung (Herzlich tut mich verlangen nach einem sel’gen End, Befiehl du deine Wege). Schon das ursprüngliche Liebeslied ließ auch eine religiöse Interpretation zu, da seine Strophenanfänge nacheinander gelesen den Namen Maria ergeben und das Lied somit auch als Verehrung der Jungfrau Maria gedeutet werden konnte.

Die Gottesmutter hatte Paul Simon wohl nicht im Sinn, als er Haßlers Melodie für seinen Song American Tune adaptierte. Vielmehr nutzt er sie wieder im ursprünglichen Sinne als Untermalung einer nachdenklichen Hymne an sein geliebtes Heimatland, dem einstigen idealen „Land der Verheißung“ für die Pilgrim Fathers, von dessen Idealen in den 70er Jahren (Watergate-Affäre, Vietnamkrieg) nicht mehr allzu viel übrig schien.

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ist die Musikwissenschaftlerin und Kulturprojektmanagerin Birgit Schmidt-Hurtienne. Als WDRSOfan schreibt sie privat über Konzerterlebnisse und die wunderbare Welt der klassischen Musik und wird für die Beiträge dieses Blogs weder beauftragt noch bezahlt. Wer sie für Artikel und (Blog-)Projekte buchen möchte, findet ihre Angebotspalette aus Projektmanagement, Text- und Webdienstleistungen unter: Kulturwirtschaftswege.de

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