Klassik vorher-nachher (3): Janáčeks Sinfonietta rocks!

Autograph Janáčeks zu den Fanfaren der Sinfonietta
Autograph der Sinfonietta-Fanfaren | Quelle: Wikipedia

Melodien sind wie das Wasser – sie finden ihren Weg. Und so erreichen manche klassische Melodien auch ein Publikum, das sich selbst nicht zu den Klassikfans zählen würde. Manche Adaptionen sind bereits selbst schon wieder zu Klassikern geworden, wie zum Beispiel der Beginn der Sinfonietta des tschechischen Komponisten Leoš Janáček, der heute vor 160 Jahren geboren wurde, in der Version von Emerson, Lake & Palmer.

Vorher Klassik …

Janáček beschäftigte sich früh mit der Volksmusik seiner Heimat und interessierte sich sehr für den typischen Rhythmus und die Melodie der tschechischen Sprache, die er – ähnlich wie der russische Komponist Modest Mussorgsky – in seinen (Opern-)Melodien vertonte.

Das effektvolle Orchesterwerk Sinfonietta zählt zu Janáčeks bekanntesten und beliebtesten Stücken und hat auch in meinen Klassik Top Ten einen festen Platz. Für dieses Stück erweiterte Janáček die klassische Orchesterbesetzung um zusätzliche Blechblasinstrumente: neben 4 Hörnern sind 12 Trompeten (9 in C, 3 in F), 2 Basstrompeten, 4 Posaunen, 2 Tenortuben und eine Basstuba besetzt und sorgen für den imposanten Einstieg in das fünfsätzige Stück.

Im Auftrag des Sportvereins Sokol, bei dem er Mitglied war und der sich für seinen achten Kongress eine fanfarenartige Eröffnungsmusik wünschte, komponierte Janáček die Sinfonietta im Jahr 1926. Hier spielt sie das WDR Sinfonieorchester in der Kölner Philharmonie unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste:

… nachher Rock

Von diesen fulminanten Klängen ließ sich die britische Progressive-Rock-Band Emerson, Lake & Palmer inspirieren und eröffnete mit ihnen den dritten Titel Knife Edge ihres Debüt-Albums Emerson, Lake and Palmer aus dem Jahr 1970:

Wer genau hinhört, entdeckt auch noch ein wenig Johann Sebastian Bach. Und wer genau hinschaut, erblickt den legendären Moog-Synthesizer in Aktion: den ersten Synthesizer der Musikgeschichte, benannt nach seinem Erfinder Robert Moog, der ihn in Folge seiner Experimente zur Erzeugung elektronischer Musik entwickelt und 1964 auf den Markt gebracht hatte. Keith Emersons Synthesizer hatte er 1968 gebaut.

Von klassischen Melodien ließen sich nicht nur Emerson, Lake & Palmer inspirieren. Sie setzten eine ganze Reihe von Klassikadaptionen fort, die unter anderen die amerikanische Naturwissenschaftlerin, Komponistin und Elektronikmusikerin (und Assistentin von Robert Moog) Wendy Carlos mit dem ersten rein elektronisch produzierten Album Switched-On Bach, veröffentlicht 1968 unter ihrem damaligen Namen Walter Carlos, begonnen hatte.

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ist die Musikwissenschaftlerin und Kulturprojektmanagerin Birgit Schmidt-Hurtienne. Als WDRSOfan schreibt sie privat über Konzerterlebnisse und die wunderbare Welt der klassischen Musik und wird für die Beiträge dieses Blogs weder beauftragt noch bezahlt. Wer sie für Artikel und (Blog-)Projekte buchen möchte, findet ihre Angebotspalette aus Projektmanagement, Text- und Webdienstleistungen unter: Kulturwirtschaftswege.de

3 Gedanken zu „Klassik vorher-nachher (3): Janáčeks Sinfonietta rocks!

  1. Sehr schöner Artikel! Gerade bei ELP findet man ja zahlreiche Klassik-Zitate, mal mehr, mal weniger gelungen. Generell ist der Progressive Rock sicher das Klassik-affinste Genre.

    Die Prog-Pioniere King Crimson spielten bereits 1969 auf ihren Konzerten „Mars“ aus Holsts‘ Planeten. Auch ein guter (und ungewöhnlicher) Tipp für die „Klassik vorher-nachher“-Reihe.

    https://www.youtube.com/watch?v=lSo0ss7KtPQ

    1. Danke für die Blumen! Sie freuen mich umso mehr, als ich mich in den Prog-Rock-Dschungel mangels „Ortskenntnissen“ bisher nicht vorgewagt hatte 😉 Vielen Dank auch für den Holst-Tipp! Ich veröffentliche auch gerne (d)einen Gastbeitrag, wenn du was dazu schreiben möchtest …

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