Kategorie-Archiv: Klassik vorher-nachher

Melodien sind wie das Wasser – sie finden ihren Weg. Und so erreichen manche klassische Melodien auch ein Publikum, das sich selbst nicht zu den Klassikfans zählen würde. Manche Adaptionen sind bereits selbst schon wieder zu Klassikern geworden …

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Klassik vorher-nachher (4): Asturias im Spanish Caravan (The Doors)

Melodien sind wie das Wasser – sie finden ihren Weg. Und so erreichen manche klassische Melodien auch ein Publikum, das sich selbst nicht zu den Klassikfans zählen würde.

Die Anfangstakte von Asturias (Leyenda) von Isaac Albéniz
Die Anfangstakte von Asturias (Leyenda) von Isaac Albéniz | Quelle: Wikimedia Commons

Manche Adaptionen sind bereits selbst schon wieder zu Klassikern geworden, wie zum Beispiel Spanish Caravan der US-amerikanischen Rockband The Doors. Es beginnt mit den Anfangstakten des Stücks Asturias des spanischen Komponisten Isaac Albéniz, der am 29. Mai 1860 geboren wurde.

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Umschlag von Isaac Albéniz Chants d'Espagne (1898)
Isaac Albeniz, Chants d’Espagne (1898) | Quelle: Wikimedia Commons

Asturias ist eines der beliebtesten und bekanntesten Stücke für Gitarre. Neben dem Concierto de Aranjuez von Joaqín Rodrigo ist es eines der Ersten, die beim Gedanken an spanische Gitarrenmusik in den Sinn kommen. Isaac Albéniz’ Biograf Walter Aaron Clark beschreibt Asturias als „andalusischen Flamenco in Reinform“, dessen Klänge einen sofort auf die iberische Halbinsel katapultieren.

Das Licht der Welt erblickte das Stück allerdings als eines von drei (später fünf) Sätzen der Klavier-Suite Chants d’Espagne von Isaac Albéniz, die als Querschnitt durch Spaniens Landschaften und Musik 1898 zu Ehren der spanischen Königin herausgegeben wurden. Bereits 1892 erschienen die Stücke Prélude (das spätere Asturias), Orientale und Sous le palmier. Der Ausgabe von 1898 wurden noch die Sätze Córdoba und Seguidillas hinzugefügt.

Unter dem Titel Suite española wurde die Klavier-Suite später nochmals ergänzt und bildet so acht Landschaften und Tänze Spaniens ab: Granada (Serenade), Cataluña (Courante), Sevilla (Sevillanas), Cádiz (Saeta), Asturias (Leyenda), Aragón (Fantasia), Castilla (Seguidilla) und Cuba (Notturno).

So klingt die Originalfassung von Asturias für Klavier gespielt von der wunderbaren Alicia de Larrocha:

Nachdem Isaac Albéniz mit seiner Klavierkomposition bereits meisterlich das andalusische Flamencogitarrenspiel nachgeahmt hatte, lag es nahe, das Stück gleich auf der Gitarre zu spielen. Wahrscheinlich stammt die Bearbeitung für Gitarre vom spanischen Komponisten und Gitarristen Francisco Tarréga. Seitdem war und ist sie aus dem Gitarrenrepertoire nicht mehr wegzudenken, natürlich auch nicht aus dem von Narciso Yepes:

… nachher Rock

Carry me Caravan, take me away
Take me to Portugal, take me to Spain
Andalusia with fields full of grain

Um die Sehnsucht nach iberischen Gefilden zum Ausdruck zu bringen, griff Robby Krieger, der Gitarrist der Rockband The Doors, im Jahr 1968 neben dem Flamencostück Granadinas auch auf Albéniz’ Komposition zurück und eröffnete das Lied Spanish Caravan mit einem Riff aus den bekannten Anfangstakten von Asturias, dem ehemaligen Klavierstück, das seitdem auf mehreren Spuren durch die Musikgeschichte zieht:

 I have to see you again and again
Take me, Spanish Caravan
Yes, I know you can

Trade winds find Galleons lost in the sea
I know where treasure is waiting for me
Silver and gold in the mountains of Spain

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Klassik vorher-nachher (3): Janáčeks Sinfonietta rocks!
Klassik vorher-nachher (2): Bach goes America
Klassik vorher-nachher (1): Alexander Borodin – Fürst Igor im Paradies

Klassik vorher-nachher (3): Janáčeks Sinfonietta rocks!

Autograph Janáčeks zu den Fanfaren der Sinfonietta
Autograph der Sinfonietta-Fanfaren | Quelle: Wikipedia

Melodien sind wie das Wasser – sie finden ihren Weg. Und so erreichen manche klassische Melodien auch ein Publikum, das sich selbst nicht zu den Klassikfans zählen würde. Manche Adaptionen sind bereits selbst schon wieder zu Klassikern geworden, wie zum Beispiel der Beginn der Sinfonietta des tschechischen Komponisten Leoš Janáček, der heute vor 160 Jahren geboren wurde, in der Version von Emerson, Lake & Palmer.

Vorher Klassik …

Janáček beschäftigte sich früh mit der Volksmusik seiner Heimat und interessierte sich sehr für den typischen Rhythmus und die Melodie der tschechischen Sprache, die er – ähnlich wie der russische Komponist Modest Mussorgsky – in seinen (Opern-)Melodien vertonte.

Das effektvolle Orchesterwerk Sinfonietta zählt zu Janáčeks bekanntesten und beliebtesten Stücken und hat auch in meinen Klassik Top Ten einen festen Platz. Für dieses Stück erweiterte Janáček die klassische Orchesterbesetzung um zusätzliche Blechblasinstrumente: neben 4 Hörnern sind 12 Trompeten (9 in C, 3 in F), 2 Basstrompeten, 4 Posaunen, 2 Tenortuben und eine Basstuba besetzt und sorgen für den imposanten Einstieg in das fünfsätzige Stück.

Im Auftrag des Sportvereins Sokol, bei dem er Mitglied war und der sich für seinen achten Kongress eine fanfarenartige Eröffnungsmusik wünschte, komponierte Janáček die Sinfonietta im Jahr 1926. Hier spielt sie das WDR Sinfonieorchester in der Kölner Philharmonie unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste:

… nachher Rock

Von diesen fulminanten Klängen ließ sich die britische Progressive-Rock-Band Emerson, Lake & Palmer inspirieren und eröffnete mit ihnen den dritten Titel Knife Edge ihres Debüt-Albums Emerson, Lake and Palmer aus dem Jahr 1970:

Wer genau hinhört, entdeckt auch noch ein wenig Johann Sebastian Bach. Und wer genau hinschaut, erblickt den legendären Moog-Synthesizer in Aktion: den ersten Synthesizer der Musikgeschichte, benannt nach seinem Erfinder Robert Moog, der ihn in Folge seiner Experimente zur Erzeugung elektronischer Musik entwickelt und 1964 auf den Markt gebracht hatte. Keith Emersons Synthesizer hatte er 1968 gebaut.

Von klassischen Melodien ließen sich nicht nur Emerson, Lake & Palmer inspirieren. Sie setzten eine ganze Reihe von Klassikadaptionen fort, die unter anderen die amerikanische Naturwissenschaftlerin, Komponistin und Elektronikmusikerin (und Assistentin von Robert Moog) Wendy Carlos mit dem ersten rein elektronisch produzierten Album Switched-On Bach, veröffentlicht 1968 unter ihrem damaligen Namen Walter Carlos, begonnen hatte.

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Klassik vorher-nachher (2): Bach goes America
Klassik vorher-nachher (1): Alexander Borodin – Fürst Igor im Paradies

Klassik vorher-nachher (2): Bach goes America

Melodien sind wie das Wasser – sie finden ihren Weg. So haben viele „klassische“, teils jahrhundertealte Melodien ihren Weg wieder zu uns gefunden. Wie zum Beispiel der Choral O Haupt voll Blut und Wunden aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach, der heute vor 329 Jahren geboren wurde:

Seine Melodie aus dem 17. Jahrhundert fand 1973 den Weg in Paul Simons American Tune:

Johann Sebastian Bach ist allerdings nicht Schöpfer der Melodie, er hat sie selbst nur aufgegriffen. Sie gefiel ihm offensichtlich so gut, dass er sie nicht nur in der Matthäuspassion, sondern auch in seinem Weihnachtsoratorium (Wie soll ich dich empfangen) verwendete.

Entsprungen ist die Melodie der Feder des Komponisten Hans Leo Haßler (1564-1612), der sie 1601 im Lustgarten neuer teutscher Gesäng veröffentlichte. Wer sich nun wundert, was ein Choral im Lustgarten zu suchen hat, dem sei verraten, dass die Melodie zur Zeit ihres Ursprungs keinen religiösen, sondern den weltlichen Text Mein G’müt ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart begleitete:

Die Melodie dieses Liedes über eine unerhörte Liebe fand in Form mehrerer Kirchenlieder Verbreitung (Herzlich tut mich verlangen nach einem sel’gen End, Befiehl du deine Wege). Schon das ursprüngliche Liebeslied ließ auch eine religiöse Interpretation zu, da seine Strophenanfänge nacheinander gelesen den Namen Maria ergeben und das Lied somit auch als Verehrung der Jungfrau Maria gedeutet werden konnte.

Die Gottesmutter hatte Paul Simon wohl nicht im Sinn, als er Haßlers Melodie für seinen Song American Tune adaptierte. Vielmehr nutzt er sie wieder im ursprünglichen Sinne als Untermalung einer nachdenklichen Hymne an sein geliebtes Heimatland, dem einstigen idealen „Land der Verheißung“ für die Pilgrim Fathers, von dessen Idealen in den 70er Jahren (Watergate-Affäre, Vietnamkrieg) nicht mehr allzu viel übrig schien.

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Klassik vorher-nachher (1): Alexander Borodin – Fürst Igor im Paradies

Klassik vorher-nachher: Alexander Borodin – Fürst Igor im Paradies

Melodien sind wie das Wasser – sie finden ihren Weg. Und so erreichen uns manche „klassischen“ Melodien auf Umwegen.

Wie zum Beispiel die der Polowetzer Tänze aus der Oper Fürst Igor des russischen Komponisten Alexander Borodin, der am 12. November 1833 geboren wurde.

Borodin komponierte mit Unterbrechungen 18 Jahre lang an seinem wichtigsten Werk, das nach seinem Tod von seinen Kollegen Rimsky-Korsakow und Glazunov vollendet wurde. Die Oper basiert auf dem historischen Feldzug des russischen Fürsten Igor gegen die Polovetzer, einem zentralasiatischen Steppenvolk, im 12. Jahrhundert.

Borodin bemühte sich um eine möglichst authentische Nachahmung der asiatischen Musik und studierte zu diesem Zweck Melodien mittelasiatischer Völker. Dabei griff er auf Material der in Ungarn lebenden Nachfahren der Polovetzer zurück.

63 Jahre später adaptierten Robert Wright und George Forrest Borodins Musik für ihr Musical Kismet und der Tanz der Polovezer Jungfrauen verwandelte sich in den Broadway-Hit Stranger In Paradise, der Mitte der 1950-er Jahre große Popularität erlangte, interpretiert von vielen namhaften Künstlern, wie Bing Crosby, Tony Bennett oder den Four Aces:

Eine unverwüstliche Melodie, die neben anderen auch Borodins Grabstein in Sankt Petersburg ziert:

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Foto: Andrew Butko | СС-BY-SA