Kategorie-Archiv: In memoriam

Nachrufe

Wenn sich die Hand eines Menschen über seinesgleichen erhebt

Völkermorddenkmal Zizernakaberd in Jerewan
Völkermorddenkmal Zizernakaberd in Jerewan | Quelle: Wikimedia Commons

Jedes Jahr erinnern die Armenier am 24. April an ihre geschätzt weit über eine Million Landsleute, die ab dem Jahr 1915 einem der ersten Völkermorde im 20. Jahrhundert zum Opfer fielen.

Anlässlich des 95. Jahrestages im Jahr 2010 entstand im Auftrag des WDR das Werk Ubi est Abel frater tuus (Wo ist dein Bruder Abel?) des armenischen Komponisten Tigran Mansurjan, über dessen Entstehung der Komponist sagte1:

Das einsätzige, aus drei Hauptteilen nach dem Prinzip langsam – schnell – langsam bestehende Konzert wurde mir „diktiert“ vom geplanten Datum der Uraufführung am 24. April. Für alle Armenier ist dies der Gedenktag an die Opfer von 1915. Hierher rührt auch der Titel des Werkes „Ubi est Abel frater tuus?“. Diese Frage stellt sich jedes Mal, wenn sich die Hand eines Menschen über seinesgleichen erhebt. Ich habe versucht, diesem Konzert den Charakter eines Requiems zu geben; für mich habe ich den ersten Teil „Kyrie eleison“ genannt, den zweiten „Dies irae“ und den dritten „Lacrimosa“. Es ist den Uraufführungsinterpreten Jan Vogler und Semyon Bychkov gewidmet.

Die Uraufführung des Werks mit dem WDR Sinfonieorchester Köln und den Widmungsträgern, dem Cellisten Jan Vogler und dem vormaligen WDRSO-Chefdirigenten Semyon Bychkov, fand im Eröffnungskonzert der MusikTriennale am 24. April 2010 in der Kölner Philharmonie statt2:

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If a few words must be said about this piece, I would be content if attention were brought to the silences, especially of the silence underlying the question “Where is your brother Abel?”, as well as my feelings of respect toward this silence, and the absence of pathetic gestures, loud cries, shouts and calls in the music. I hope that my mother –up there, in that world– would be pleased that I wrote this piece,

so Tigur Mansurjan zur Intention seines Requiems3.

Das Unfassbare des Brudermords versucht Tigur Mansurjan nicht mit Feierlichkeit und expressiven musikalischen Ausbrüchen, sondern vor allem mit Phasen der Stille zu verarbeiten. Stille, in denen Unvorstellbares und die Frage „Wo ist dein Bruder Abel?“ umso lauter ins Bewusstsein dringen können.

  1. zitiert nach Schott Musik  []
  2. Meine Eindrücke von der Uraufführung am MusikTriennale-Premierenabend  habe ich hier festgehalten: Eröffnungskonzert MusikTriennale 2010: Im Wechselbad der Gefühle []
  3. zitiert nach klassic.com: Jan Vogler to premiere cello concerto by Tigran Mansurian (April 2010) []

In memoriam Lorin Maazel

Lorin Maazel (1930–2014)
Lorin Maazel (1930–2014) / Foto: Barbara Haws [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC-BY-2.5], Wikimedia Commons
Gestern starb der Dirigent, Violinist und Komponist Lorin Maazel. Die Musikwelt verliert mit ihm einen nicht nur musikalisch vielseitig talentierten Ausnahmekünstler, der bereits mit fünf Jahren Geige spielte, seit seinem siebten Lebensjahr das Dirigieren erlernte und bereits 1939 das Orchester der Interlochen Akademie bei einem Konzert anlässlich der New Yorker Weltausstellung leitete. Er besaß das absolute Gehör, ein fotografisches Gedächtnis und hatte Mathematik, Philosophie und Sprachen studiert.

Zu Beginn seiner beispiellosen Karriere dirigierte er in den Jahren 1958 bis 1960 auch vier Konzerte mit dem damaligen Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, dem jetzigen WDR Sinfonieorchester Köln:

Konzerte des Kölner-Rundfunk-Sinfonie-Orchesters mit Lorin Maazel
Konzerte des Kölner-Rundfunk-Sinfonie-Orchesters mit Lorin Maazel [aus: Westdeutscher Rundfunk Köln, 50 Jahre Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester]
Der Bayerische Rundfunk würdigt den ehemaligen Chefdirigenten (1993-2002) seines Symphonieorchesters ausführlich, auch im Programm von BR Klassik:

„Zum Tod von Lorin Maazel hat BR-KLASSIK sein Programm geändert: Einen Nachruf hören Sie am 14. Juli ab 6.05 Uhr im Musikmagazin Allegro. Das Panorama widmet sich ab 14.05 Uhr ebenfalls dem großen Musiker. Am 15. Juli gibt es um 13.05 Uhr eine Sonderausgabe vonCantabile, um 14.05 Uhr ebenfalls ein Panorama und um 18.05 Uhr einen Konzertmitschnitt mit Maestro Maazel am Pult. Schließlich porträtiert BR-KLASSIK den großen Dirigenten in einer zweistündigen Sondersendung am 19. Juli ab 14.05 Uhr.“

Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 5, Adagietto, Lorin Maazel mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

“In these confused times, the role of classical music is at the very core of the struggle to reassert cultural and ethical values that have always characterized our country and for which we have traditionally been honored and respected outside our shores.”
Lorin Maazel

 

Remembering Ethel Smyth

Komponistin Ethel Smyth
Ethel Smyth | Quelle: Wikimedia Commons

“Because I have conducted my own operas and love sheep-dogs; because I generally dress in tweeds, and sometimes, at winter afternoon concerts, have even conducted in them; because I was a militant suffragette and seized a chance of beating time to ‘The March of the Women’ from the window of my cell in Holloway Prison with a tooth-brush; because I have written books, spoken speeches, broadcast, and don’t always make sure that my hat is on straight; for these and other equally pertinent reasons, in a certain sense I am well known.” – Dame Ethel Smyth

Heute vor 70 Jahren starb die englische Komponistin, Dirigentin, Schriftstellerin und glühende Sufragette Ethel Smyth. So aufsehenerregend und “well known” sie zu ihrer Zeit war, kennt sie heute leider fast niemand mehr.

Daher zur Erinnerung aus meinen persönlichen Klassik Top Ten der erste Satz aus ihrem Konzert für Violine, Horn und Orchester, gespielt von Saschko Gawriloff (Violine), Marie-Luise Neunecker (Horn) und der NDR Radiophilharmonie unter der Leitung von Uri Mayer (nehme ich an):

Wunderschön ist auch die CD-Einspielung mit Sophie Langdon (Violine), Richard Watkins (Horn) und dem BBC Philharmonic Orchestra unter Odaline de la Martinez.

Wer mehr über das bewegte Leben von Ethel Smyth erfahren möchte, kann bei fembio.org, in der englischen Wikipedia oder im Buch Ein stürmischer Winter – Erinnerungen einer streitbaren englischen Komponistin, herausgegeben von Eva Rieger, nachlesen.

In memoriam Gerd Albrecht

„Das Musikleben kann nur an denen wachsen,

die es permanent in Frage stellen.“ Gerd Albrecht

So wird Gerd Albrecht, der „Schatzgräber auf der Suche nach dem Unbekannten und dem Vergessenen in der Musik, Musikvermittler und engagierte Fürsprecher für die Belange der Jugend“, auf seiner Website zitiert. Vorgestern, am 2. Februar 2014, ist der Dirigent im Alter von 78 Jahren verstorben.

Gerd Albrecht war oft beim WDR zu Gast und widmete sich dabei unter anderem ausführlich dem Werk des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák. Mit dem WDR Sinfonieorchester, dem WDR Rundfunkorchester, dem WDR Rundfunkchor und namhaften SolistInnen entriss er mehrere unbekannte Opern Dvořáks dem Vergessen, wie z. B. Die Waldtaube (WDRSO, 1996), Wanda (WDRSO, 2000), König und Köhler (WRO, 2006) und Die Teufelskäthe (WDRSO, 2007).

Einspielungen dieser Produktionen wurden mit dem MIDEM Classical Award für außergewöhnliche Kreativität, Innovation des Repertoires und herausragende künstlerische Leistungen (König und Köhler) und dem Preis der deutschen Schallplattenkritik (Wanda) ausgezeichnet.

Hier ein Ausschnitt aus der Teufelskäthe:

R. I. P. Gerd Albrecht

Zum Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy

Zum Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy, der heute vor 205 Jahren in Hamburg geboren wurde, eine historische Aufnahme des 4. Satzes seiner „Schottischen“ 3. Sinfonie mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter Dimitri Mitropoulos vom 24. Oktober 1960.

Das 2. Sinfoniekonzert der Saison 1960/61 unter der Leitung des griechischen Dirigenten, Komponisten und Pianisten war eines seiner letzten Konzerte. Er starb am 2. November in Mailand. Das 3. Sinfoniekonzert am 14. November widmete das Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester seinem Gedenken:

[aus: Westdeutscher Rundfunk Köln, 50 Jahre Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, S.98]

„Nur für die Musik denken“ – Zum Tod von Claudio Abbado

„Nur für die Musik denken“ – mit diesen Worten von Claudio Abbado endet ein Beitrag zu Ehren seines 80. Geburtstags, den WDR 3 am 26. Juni 2013 sendete. Heute ist der italienische Dirigent, dessen Repertoire von Mozart bis zu zeitgenössischen Komponisten reichte, in Bologna gestorben.

Für die Werke seines Freundes, des Komponisten Luigi Nono (1924-1990), hat er sich besonders engagiert. So auch im Mai 1975, als er mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester (dem heutigen WDR Sinfonieorchester Köln) und seinen Gästen die konzertante Fassung von Nonos Oper Al gran sole carico d’amore aus der Taufe hob:

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[aus: Westdeutscher Rundfunk Köln, 50 Jahre Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, S.125]

Der Spiegel berichtete am 19. Mai 1975 darüber:

„Man muß kein Marxist sein“, urteilte die „FAZ“. „um sich vor Nonos Meisterschaft und Ehrlichkeit zu verneigen.“

Ein Jahr vor der deutschen Bühnenpremiere der Nono-Novität in Nürnberg und vor geplanten Aufführungen in Ost-Berlin, Lissabon und Zagreb sollten am Freitag auch deutsche Hörer das Werk begutachten: Im WDR Köln, Hort langjähriger Nono-Pflege, war unter Leitung Abbados eine vom Komponisten gekürzte Fassung (“Fragmente”) des Zweiakters als bühnenlose Klassenkampf-Kantate einstudiert worden.

Die konzertante Darbietung mit den Gesangssolisten und Tonbändern der Mailänder Premieren, mit einem als Riesen-Schlagzeug besetzten Symphonie-Orchester und 72 Kölner und Stuttgarter Choristen galt einer Komposition, die “mit Schönbergs und Bergs Bühnenwerken auf gleicher Höhe steht” (“Neue Zürcher Zeitung”).

Die Berliner Philharmoniker, deren Chefdirigent Claudio Abbado von 1990-2002 als direkter Nachfolger Herbert von Karajans war, „verneigen sich in tiefer Liebe und Dankbarkeit“ vor ihm:

Wir trauern um einen außerordentlichen Musiker und Menschen. Seine Liebe zur Musik und seine unstillbare Neugier waren uns Inspiration und haben unser musikalisches Schaffen seit seinen ersten Konzerten mit uns im Jahr 1966 geprägt. Wir sind stolz, ihn zu unseren Chefdirigenten zählen zu können und Teil seines musikalischen Erbes zu sein.

Aus der Vielfalt der Nachrufe seien an dieser Stelle die der von ihm gegründeten Ensembles Mahler Chamber Orchestra und Lucerne Festival Orchestra sowie von Tagesschau und der Wochenzeitung Die Zeit herausgegriffen.

Riposi In Pace, Claudio Abbado.