WDRSOfan und die wunderbare Welt der klassischen Musik

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WDRSOfan liebt klassische Musik heiß und innig, besucht (nicht nur, aber besonders gerne) die Konzerte des WDR Sinfonieorchesters Köln und hält Erlebnisse, Gedanken und Fundstücke vom Wegesrand der klassischen Musik hier fest.

Warum ich ausgerechnet Fan des WDR Sinfonieorchesters bin, wie ich zur klassischen Musik gekommen bin, was sie mir bedeutet und und und … wollte Orchestrasfan schon mal von mir wissen und hier habe ich darauf geantwortet.

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Neu beim WDR Sinfonieorchester: Solo-Hornist Přemysl Vojta!

Seit Dezember 2015 ist er bereits beim WDR Sinfonieorchester, nun hat er sein Probejahr bestanden: Herzlichen Glückwunsch, Přemysl Vojta!

Das Publikum des WDR Sinfonieorchesters konnte sich im vergangenen Jahr bereits vom wunderbaren Spiel des ausgezeichneten Hornisten überzeugen. Er gewann unter anderem 2010 beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb in München den ersten Preis im Fach Horn, den Publikumspreis und den Preis für die beste Interpretation des Auftragswerkes. Bevor er nach Köln kam, war Přemysl Vojta Solohornist der Prager Kammerphilharmonie, der Staatskapelle Berlin und beim Konzerthausorchester Berlin.

Přemysl Vojta unterrichtet an der Kölner Musikhochschule und engagiert sich ehrenamtlich für das Projekt Rhapsody in School, einer Initiative, bei der Spitzenmusikerinnen und -musiker in die Schulen kommen, um Kinder an klassische Musik heranzuführen. Und ein sehr netter und sympathischer Mensch ist er auch noch, wie ich schon erleben durfte 🙂

Neben Přemysl Vojta hat das WDR Sinfonieorchester in jüngster Zeit mit Trompeter Martin Griebl und Posaunist Jeffrey Kant noch weitere herausragende Solo-Bläser als Kollegen gewinnen können. Brass Fans kommen also weiterhin voll und ganz auf ihre Kosten beim WDRSO!

Eurovision Young Musicians Contest: Fragwürdig oder nötig?

Foto: © WDR/Claus Langer

Am 3. September 2016 begleitete das WDR Sinfonieorchesters das Finale des Wettbewerbs Eurovision Young Musicians (EYM) 2016. Der Wettbewerb für europäische Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren wird seit 1982 von der European Broadcasting Union organisiert.

Wie schon vor zwei Jahren übertrug der WDR das Konzert im Fernsehen und auf WDR 3. Auf dem Roncalliplatz genossen im Schatten des Kölner Doms mehrere Tausend Menschen das zweistündige Konzert, das auf der EYM-Website im Livestream zu sehen war. Bei Twitter wurde das Konzert ebenfalls verfolgt und so lebhaft kommentiert, dass der Hashtag #EYM16 zeitweilig die Twitter-Trends in Deutschland anführte:

Im Gegensatz zum Eurovision Song Contest entscheidet beim EYM nicht das Publikum, sondern eine Fachjury über die drei Preisträger*innen. Beim diesjährigen Wettbewerb gewannen der polnische Saxophonist Łukasz Dyczko, der tschechische Pianist Robert Bílý und der Kontrabassist Dominik Wagner aus Österreich. Łukasz Dyczko erhält als Preisgeld 10.000 Euro, gestiftet von der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, und er darf nochmals mit dem WDR Sinfonieorchester auftreten.

Bei der Integration von Social Media geht noch was!

Ich habe das Konzert im WDR Fernsehen verfolgt und mich als passionierte Twitterin sogleich über die um 15 Minuten zeitversetzte Übertragung geärgert, die mich von einer Teilnahme an der regen Twitter-Diskussion ausschloss. Allerdings zähle ich mich mit meiner Vorliebe, mich über klassische Konzerte, die ich nicht live vor Ort erleben kann, während der Übertragung via Twitter mit anderen Interessierten auszutauschen – wie zuletzt beim formidablen hrSO-Open-Air-Konzert (#hrSOpenAir) geschehen – durchaus zu einer Minderheit. Diese Kritik sei also geschenkt.

Grundsätzlichere Dinge kritisiert allerdings Guido Krawinkel in seinem Artikel bei Musik heute, in dem er das Eurovision Young Musicians-Finale in Köln für fragwürdig hält und konstatiert: „Auf der Strecke blieb dabei die Glaubwürdigkeit der klassischen Musik.“

Fragwürdiger Wettbewerb?

Nanu? Diesen Eindruck hatte ich allerdings überhaupt nicht. Die Glaubwürdigkeit der klassischen Musik sehe ich persönlich – mit Verlaub – eher bei einem klassischen Konzert mit David Garrett als Solist in Gefahr, als beim Eurovision Young Musicians Contest.

Natürlich lässt sich die Art und Weise, wie dieser Wettbewerb ausgetragen wird, kritisieren. Man kann sich darüber streiten, ob vom Co-Moderator Daniel Hope zur Eröffnung „Geigenschnulzen“ vorgetragen werden sollten. Oder ob akrobatische Kunststücke mit oder ohne Instrument ins Programm gehören.

Ich hätte allerdings nach über hundertjährigen Errungenschaften der Musikethnologie nicht erwartet, dass die Darbietung der Meditation aus Thaïs des kroatischen Teilnehmers auf „bestenfalls folkloristischem Instrumentarium“ kritisiert wird und das Antreten gegen „unterschiedlichste klassische Konzertinstrumente“ thematisiert wird. Ich habe es stets als ganz besonderes Kennzeichen klassischer Musik erlebt, dass es keine Rolle spielt, ob ihre Melodien auf den „richtigen“ Instrumenten dargebracht werden, um Menschen zu berühren. Das kann selbst dann gelingen, wenn sie im Zirkuszelt auf einer singenden Säge erklingen, denn es kommt allein auf den Menschen hinter dem Instrument an, ob das Publikum erreicht wird oder nicht. Und um die Musik ging es dann doch hauptsächlich beim EYM-Finale. (Klassik-)Zirkus hin oder her.

Unseriöses Vorgehen?

Guido Krawinkel moniert weiters:

„Über Sieg und Niederlage musste die überaus prominent besetzte Jury in Köln nach gerade einmal sechsminütigen Vorträgen richten, die Open Air und elektronisch verstärkt absolviert wurden. Die Teilnehmer traten allen Ernstes mit so diametral unterschiedlichen Stücken wie einer Bearbeitung der ‚Meditation’ aus Jules Massenets Oper ‚Thaïs’ und der Carmen-Fantasie von Franz Waxman gegeneinander an. Letztendlich wurden hier Äpfel mit Birnen verglichen, ein im klassischen Bereich höchst ungewöhnlicher, um nicht zu sagen unseriöser Weg.“

Naja, hochkarätige Profi-Musiker*innen sind genau dazu in der Lage: innerhalb kurzer Zeit eine musikalische Darbietung beurteilen zu können. Nichts anderes tun sie auch beim Unterrichten. Und natürlich können sie auch Äpfel von Birnen unterscheiden und beurteilen, ob eine Birne Helene genauso gut serviert wird, wie ein Apfelkuchen, um im Bild zu bleiben. Es ging doch um die Musikalität und Darbietung bei Aufführungen klassischer Musik. Äpfel und Birnen wären es im Übrigen eher gewesen, wenn die jungen Künstler*innen Schlager interpretiert hätten.

Sichtbare und unsichtbare Klassik-„Wettbewerbe“

Selbstverständlich gibt es „seriösere“ Klassik-Wettbewerbe für junge Musizierende. So zum Beispiel den ebenfalls gerade stattfindenden Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Aber diese Wettbewerbe finden meist hinter verschlossenen Türen statt. Es erfahren nur wirklich Interessierte davon, die nach Informationen dazu suchen oder zufällig darüber stolpern. Der Eurovision Young Musicians Contest ist dagegen für ein breiteres Publikum sichtbar. Und genau das finde ich heute wichtiger denn je. Warum sollen junge Menschen, die sich von Gleichaltrigen dadurch unterscheiden, dass sie sich stundenlang dem Üben ihres Instruments und der klassischen Musik widmen, nicht auch eine Plattform im Mainstream-TV erhalten? Sollen sie lieber niveauvoll unsichtbar bleiben? Warum sollen sie nicht das TV-Niveau für zwei Stunden heben dürfen? Zumal eine „Wiederholungsgefahr“ höchstens alle paar Jahre besteht?

Der EYM vor und hinter den Kulissen

Ja, es war eine Show-Veranstaltung, auch im übertragenen Sinne. Aber im Gegensatz zu Superstar-Veranstaltungen, bei denen Juroren wie Dieter Bohlen den Daumen heben oder senken, haben die Teilnehmenden während ihres Aufenthalts in Köln bei Proben mit dem WDR Sinfonieorchester Erfahrungen mit einem der renommiertesten deutschen Radio-Sinfonieorchester sammeln dürfen. Ich bin mir sicher, dass die Begegnung und Zusammenarbeit mit den Orchestermusiker*innen und die Auftrittsmöglichkeit in diesem Rahmen, inklusive Übertragung in TV und Radio, zu den bleibenden Erlebnissen auf dem musikalischen Weg dieser jungen Menschen gehören werden. So oder so 😉

„Als ernstzunehmenden Wettbewerb kann man den EYM wohl kaum bezeichnen,“ schließt Guido Krawinkel. Tatsächlich nicht? Zumindest beim diesjährigen Jury-Vorsitzenden Julian Rachlin wurde seine EYM-Auszeichnung offensichtlich doch von einigen ernst genommen:

„1988 wurde ihm der ‚Eurovision Young Musician of the Year“-Preis verliehen, worauf eine Einladung zu einem Auftritt bei den Berliner Festspielen unter dem Dirigenten Lorin Maazel folgte. Unmittelbar darauf trat er mit den Wiener Philharmonikern unter dem Dirigenten Riccardo Muti auf — als bis dahin jüngster Solist. Während seiner darauf folgenden Karriere arbeitete Rachlin mit diversen namhaften Dirigenten in Europa und den USA zusammen […].“1

Zudem nehme ich an, dass die Teilnehmenden genau einordnen können, welchem Zweck welcher Wettbewerb dient.

Vielleicht wird der EYM-Drittplatzierte Dominik Wagner von seiner Teilnahme am ARD-Wettbewerb einen Tag später beruflich mehr profitieren als vom EYM. Aber wer außer den „Klassiknerds“ kennt denn bitteschön den ARD-Wettbewerb? Und selbst wenn der EYM ein „Show-Wettbewerb“ ist, lassen sich denn nicht auch hierbei wertvolle Erfahrungen sammeln? Ob der Gewinn beim EYM-Contest nur für Julian Rachlin nicht folgenlos geblieben ist, könnte Musik heute ja mal recherchieren.

Klassische Musik muss raus aus dem Feuilleton!

Es geht nicht darum, die Glaubwürdigkeit der klassischen Musik zu bewahren, es geht darum, dass sie überhaupt (noch) im Bewusstsein der „breiten Masse“ stattfindet.

Es gibt sehr viele Jugendliche, die mit Leidenschaft klassische Musik machen. Sie können nur nicht wahrgenommen werden, weil sie nirgendwo sichtbar werden. Damit möglichst viele Menschen ihre Kunst sehen, hören und miterleben können, gönne ich diesen jungen Künstler*innen möglichst viele und große Bühnen. Auch eine große Show-Bühne im Schatten des Kölner Doms mit einem Deckmäntelchen namens Wettbewerb.

Was ich an Veranstaltungen wie diesen kritisiere, sind Lippenbekenntnisse derjenigen aus Politik und Medien, die bei solchen und ähnlichen Anlässen von „Kulturauftrag“ reden, sich im kulturpolitischen Alltag aber nicht dafür einsetzen, dass dieser in Sonntagsreden als notwendig erachtete Kulturauftrag über ein Minimum hinaus erfüllt werden kann.

Die Glaubwürdigkeit der Klassik steht in meinen Augen nicht wegen EYM- oder anderen gerne kritisierten Klassik-Open-Air-Veranstaltungen, wie z. B. dem hrSO Open Air, das auf Facebook diskutiert wurde, auf dem Spiel. Sie wird von all jenen in Frage gestellt, die sich in entscheidenden (meinungs-)politischen Positionen nicht in der Verantwortung sehen, sich vehement für optimale musikalische Bildung und den Erhalt unserer Orchester- und Kulturlandschaft einzusetzen. Der Untergang der klassischen Musik droht aber gewiss nicht, weil ein kroatischer Bub auf großer Show-Bühne statt mit der Geige mit einer Tambura die Herzen seines Publikums erreicht.

  1. Wikipedia []
AlbenizAsturiasLeyenda

Klassik vorher-nachher (4): Asturias im Spanish Caravan (The Doors)

Melodien sind wie das Wasser – sie finden ihren Weg. Und so erreichen manche klassische Melodien auch ein Publikum, das sich selbst nicht zu den Klassikfans zählen würde.

Die Anfangstakte von Asturias (Leyenda) von Isaac Albéniz
Die Anfangstakte von Asturias (Leyenda) von Isaac Albéniz | Quelle: Wikimedia Commons

Manche Adaptionen sind bereits selbst schon wieder zu Klassikern geworden, wie zum Beispiel Spanish Caravan der US-amerikanischen Rockband The Doors. Es beginnt mit den Anfangstakten des Stücks Asturias des spanischen Komponisten Isaac Albéniz, der am 29. Mai 1860 geboren wurde.

Vorher Klassik …

Umschlag von Isaac Albéniz Chants d'Espagne (1898)
Isaac Albeniz, Chants d’Espagne (1898) | Quelle: Wikimedia Commons

Asturias ist eines der beliebtesten und bekanntesten Stücke für Gitarre. Neben dem Concierto de Aranjuez von Joaqín Rodrigo ist es eines der Ersten, die beim Gedanken an spanische Gitarrenmusik in den Sinn kommen. Isaac Albéniz’ Biograf Walter Aaron Clark beschreibt Asturias als „andalusischen Flamenco in Reinform“, dessen Klänge einen sofort auf die iberische Halbinsel katapultieren.

Das Licht der Welt erblickte das Stück allerdings als eines von drei (später fünf) Sätzen der Klavier-Suite Chants d’Espagne von Isaac Albéniz, die als Querschnitt durch Spaniens Landschaften und Musik 1898 zu Ehren der spanischen Königin herausgegeben wurden. Bereits 1892 erschienen die Stücke Prélude (das spätere Asturias), Orientale und Sous le palmier. Der Ausgabe von 1898 wurden noch die Sätze Córdoba und Seguidillas hinzugefügt.

Unter dem Titel Suite española wurde die Klavier-Suite später nochmals ergänzt und bildet so acht Landschaften und Tänze Spaniens ab: Granada (Serenade), Cataluña (Courante), Sevilla (Sevillanas), Cádiz (Saeta), Asturias (Leyenda), Aragón (Fantasia), Castilla (Seguidilla) und Cuba (Notturno).

So klingt die Originalfassung von Asturias für Klavier gespielt von der wunderbaren Alicia de Larrocha:

Nachdem Isaac Albéniz mit seiner Klavierkomposition bereits meisterlich das andalusische Flamencogitarrenspiel nachgeahmt hatte, lag es nahe, das Stück gleich auf der Gitarre zu spielen. Wahrscheinlich stammt die Bearbeitung für Gitarre vom spanischen Komponisten und Gitarristen Francisco Tarréga. Seitdem war und ist sie aus dem Gitarrenrepertoire nicht mehr wegzudenken, natürlich auch nicht aus dem von Narciso Yepes:

… nachher Rock

Carry me Caravan, take me away
Take me to Portugal, take me to Spain
Andalusia with fields full of grain

Um die Sehnsucht nach iberischen Gefilden zum Ausdruck zu bringen, griff Robby Krieger, der Gitarrist der Rockband The Doors, im Jahr 1968 neben dem Flamencostück Granadinas auch auf Albéniz’ Komposition zurück und eröffnete das Lied Spanish Caravan mit einem Riff aus den bekannten Anfangstakten von Asturias, dem ehemaligen Klavierstück, das seitdem auf mehreren Spuren durch die Musikgeschichte zieht:

 I have to see you again and again
Take me, Spanish Caravan
Yes, I know you can

Trade winds find Galleons lost in the sea
I know where treasure is waiting for me
Silver and gold in the mountains of Spain

………………………………
Klassik vorher-nachher (3): Janáčeks Sinfonietta rocks!
Klassik vorher-nachher (2): Bach goes America
Klassik vorher-nachher (1): Alexander Borodin – Fürst Igor im Paradies

Orchester warnen vor TTIP: Kultur ist keine Handelsware!

„Wir sind keine Handelsware, TTIP bringt uns in Gefahr!
Ach, Orchester, wunderbare, seid ihr morgen auch noch da?“,

so beginnt der neue Text auf Schillers Ode an die Freude, mit dem mehr als 130 professionelle OrchestermusikerInnen und SängerInnen am 4. Mai in Mainz vor möglichen Gefahren des Transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP gewarnt haben, das derzeit geheim verhandelt wird.

Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV)
Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV)

Organisiert wurde die Aktion von der Deutschen Orchestervereinigung (DOV). Ihr Geschäftsführer Gerald Mertens dazu:

„Damit fordern wir die zuständigen Politiker auf, bei den Verhandlungen zu den verschiedenen Abkommen die gravierenden Bedenken des Kulturbereichs ernst zu nehmen. Bislang wissen wir nicht, von welchen Regelungen der Kulturbereich konkret betroffen sein wird. Auf der Grundlage von völlig unklaren Fakten kann keine konstruktive und kritische Auseinandersetzung stattfinden. Genau die wollen wir aber führen.“

Die DOV möchte erreichen, dass die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft, die seit 2014 zum immateriellen UNESCO Kulturerbe zählt, von den TTIP-Verhandlungen ausgenommen wird. So heißt es in der Resolution zum Transatlantischen Handelsabkommen, das von den Delegierten der DOV aus über 140 professionellen Konzert- und Opernorchestern, Rundfunkklangkörpern und Profiensembles beschlossen wurde:

„Die EU hat die UNESCO-Konvention zum Schutz der Kulturellen Vielfalt ratifiziert. Das muss dazu führen, dass der öffentlich geförderte Kulturbereich und damit die Orchester und Theater bei künftigen Handelsabkommen nicht jedes Mal von neuem ihren Schutzstatus einfordern müssen. Der Kulturbereich muss von vornherein aus dem Verhandlungsmandat ausgeschlossen sein.“

Weitere Beiträge zum Thema:

Jukka-Pekka Saraste bleibt Chef beim WDR Sinfonieorchester Köln

„Die Arbeit mit einem Orchester beruht heutzutage auf wechselseitigem Einvernehmen zwischen Dirigent und den Musikern. Das Bewusstsein für die gemeinsame Verantwortung ist gewachsen“,

so heißt es im Buch Kapellimestari1, das Jukka-Pekka Saraste gemeinsam mit Pekka Tarkka verfasst hat.2

Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters Jukka-Pekka Saraste und Orchestermanager Siegwald Bütow © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters Jukka-Pekka Saraste und Orchestermanager Siegwald Bütow | © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Um das wechselseitige Einvernehmen zwischen dem WDR Sinfonieorchester und seinem finnischen Chefdirigenten scheint es ausnehmend gut bestellt zu sein, denn Jukka-Pekka Saraste hat seinen Vertrag um weitere drei Jahre verlängert. Er bleibt dem Orchester und seinem lokalen, nationalen und weltweiten Publikum einschließlich der Konzertsaison 2018/19 erhalten.

Seit 2010 ist Jukka-Pekka Saraste bereits Chefdirigent beim WDR Sinfonierorchester Köln. Für die kommende Saison sind Konzertreisen zu den Festivals in San Sebastián  (Brahms/Bruckner), im Rheingau (Sibelius Lemminkäinen-Suite) und zum Beethovenfest Bonn geplant. Auch ein weiteres dreitägiges Gastspiel des Orchesters im Großen Festspielhaus Salzburg ist geplant. Zunächst kommt aber das Publikum in China und Südkorea zu Beginn der neuen Saison in den Genuss eines Brahms-Zyklus.
Selbstverständlich feiern Orchester und Chefdirigent mit einem Sibelius-Zyklus auch den Geburtstag des finnischen Komponisten, der sich am 8. Dezember zum 150. Mal jährt.
Was in der Konzertsaison 2015/16 noch alles auf dem Programm steht, verrät die neue Saisonbroschüre:

WDR Sinfonieorchester Köln Saisonbroschüre 2015/16
WDR Sinfonieorchester Köln Saisonbroschüre 2015/16

Um ein ebenso schiefes Bild zu verwenden, wie WDR-Hörfunkdirektorin Valerie Weber in der Pressemitteilung zur Vertragsverlängerung („Man sagt ja oft: man soll dann aufhören, wenn es am Schönsten ist. Und genau aus diesem Grund machen wir weiter.“ [?!]3 ), gratuliere ich dem WDR Sinfonieorchester und Jukka-Pekka Saraste zur weiteren gemeinsamen Zusammenarbeit mit dem Scherzo aus der 3. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Zum dritten Satz der Sinfonie heißt es bei Wikipedia4:

„Bis zum Takt 93 strömte alles im Pianissimo dahin, wodurch beim Hörer das unaufhörliche und laufende Gefühl einer Gespanntheit und das Warten auf eine Überraschung entstand.“

Eine Überraschung war die Vertragsverlängerung zwar nicht, aber ich freue mich trotzdem sehr darüber 🙂

  1. Pekka Tarkka/Jukka-Pekka Saraste: Kapellimestari  (leider nur auf Finnisch erschienen) []
  2. zitiert nach Jukka-Pekka Saraste Der Chefdirigent aus dem hohen Norden []
  3. „Glücklich über gemeinsame Erfolge“ Jukka-Pekka Saraste verlängert Vertrag als Chefdirigent des WDR Sinfonieorchesters Köln []
  4. Wikipedia: 3. Sinfonie (Beethoven) – Scherzo (Allegro vivace) []

Wenn sich die Hand eines Menschen über seinesgleichen erhebt

Völkermorddenkmal Zizernakaberd in Jerewan
Völkermorddenkmal Zizernakaberd in Jerewan | Quelle: Wikimedia Commons

Jedes Jahr erinnern die Armenier am 24. April an ihre geschätzt weit über eine Million Landsleute, die ab dem Jahr 1915 einem der ersten Völkermorde im 20. Jahrhundert zum Opfer fielen.

Anlässlich des 95. Jahrestages im Jahr 2010 entstand im Auftrag des WDR das Werk Ubi est Abel frater tuus (Wo ist dein Bruder Abel?) des armenischen Komponisten Tigran Mansurjan, über dessen Entstehung der Komponist sagte1:

Das einsätzige, aus drei Hauptteilen nach dem Prinzip langsam – schnell – langsam bestehende Konzert wurde mir „diktiert“ vom geplanten Datum der Uraufführung am 24. April. Für alle Armenier ist dies der Gedenktag an die Opfer von 1915. Hierher rührt auch der Titel des Werkes „Ubi est Abel frater tuus?“. Diese Frage stellt sich jedes Mal, wenn sich die Hand eines Menschen über seinesgleichen erhebt. Ich habe versucht, diesem Konzert den Charakter eines Requiems zu geben; für mich habe ich den ersten Teil „Kyrie eleison“ genannt, den zweiten „Dies irae“ und den dritten „Lacrimosa“. Es ist den Uraufführungsinterpreten Jan Vogler und Semyon Bychkov gewidmet.

Die Uraufführung des Werks mit dem WDR Sinfonieorchester Köln und den Widmungsträgern, dem Cellisten Jan Vogler und dem vormaligen WDRSO-Chefdirigenten Semyon Bychkov, fand im Eröffnungskonzert der MusikTriennale am 24. April 2010 in der Kölner Philharmonie statt2:

Das Video kann nur auf YouTube angesehen werden. Die Wiedergabe auf anderen Websites wurde vom Rechteinhaber des Videos deaktiviert.

If a few words must be said about this piece, I would be content if attention were brought to the silences, especially of the silence underlying the question “Where is your brother Abel?”, as well as my feelings of respect toward this silence, and the absence of pathetic gestures, loud cries, shouts and calls in the music. I hope that my mother –up there, in that world– would be pleased that I wrote this piece,

so Tigur Mansurjan zur Intention seines Requiems3.

Das Unfassbare des Brudermords versucht Tigur Mansurjan nicht mit Feierlichkeit und expressiven musikalischen Ausbrüchen, sondern vor allem mit Phasen der Stille zu verarbeiten. Stille, in denen Unvorstellbares und die Frage „Wo ist dein Bruder Abel?“ umso lauter ins Bewusstsein dringen können.

  1. zitiert nach Schott Musik  []
  2. Meine Eindrücke von der Uraufführung am MusikTriennale-Premierenabend  habe ich hier festgehalten: Eröffnungskonzert MusikTriennale 2010: Im Wechselbad der Gefühle []
  3. zitiert nach klassic.com: Jan Vogler to premiere cello concerto by Tigran Mansurian (April 2010) []

#fotoprojekt2014 KW 52: Besonderes

#fotoprojekt2014 KW 52: BESONDERES | spielbares Horn aus Fayence (Porzellan)
#fotoprojekt2014 KW 52: BESONDERES | spielbares Horn aus Fayence (Porzellan)

In der Werkstatt von Geert Jacobs aus Milsbeek entstehen nicht nur spielbare Hörner aus Porzellan, sondern auch andere Musikinstrumente aus Keramik, wie Geigen und Flöten. Sogar die weltweit einzige keramische Drehorgel stammt aus der Werkstatt des Niederländers. Hier eine kleine Hörprobe:

„Sinfonie der 10.000“: Das WDR Sinfonieorchester in Japan 2014

WDR Sinfonieorchester Köln | Foto: © WDR/Kost
WDR Sinfonieorchester Köln | Foto: © WDR/Kost

Das WDR Sinfonieorchester ist wieder einmal unterwegs nach Japan. Bei seiner diesjährigen Reise hat es allerdings nur ein einziges Werk im Gepäck: die Sinfonie Nr. 9 d-moll op. 125 von Ludwig van Beethoven mit Schlusschor über Schillers Ode an die Freude.

Elf Mal wird das Orchester Daiku, wie die Japanerinnen und Japaner ihre absolute Lieblingssinfonie nennen, aufführen. Vom 7. bis 22. Dezember 2014 in Tokyo und Osaka unter der Leitung von Yutaka Sado, der das Orchester auch bereits als Gast in Köln dirigiert hat.

Was hat es mit Japan und der 9. Beethoven auf sich?

„Beethovens Neunte hat in Japan gerade im Dezember eine ganz besondere Bedeutung. Die wird da überall gespielt, 700- bis 800-mal“,

erklärt Siegwald Bütow, der Orchestermanager des WDRSO.

„Aber es ist in Asien nach wie vor etwas Besonderes, wenn ein deutsches Orchester kommt. Sozusagen, aus japanischer Sicht, aus der Wiege der Musik.“1

Gleich zu Beginn der Konzertreise wird es morgen, am 7. Dezember, ein bombastisches Auftaktkonzert geben: die Ode an die Freude wird in der Osaka-jō Hall mit einem riesigen Chor aus 10.000 Kehlen erklingen. Siegwald Bütow berichtet in einem WDR -2-Interview von seinen ersten Eindrücken dieses Großereignisses vor Ort:

„Die Japaner lieben es zu singen“

Zur Beliebtheit der Sinfonie in ihrem Heimatland hat auch WDRSO-Geigerin Keiko Kawata-Neuhaus im Interview mit WDR-Print Auskunft gegeben. Gesungen wird übrigens auf Deutsch, wie sie betont:

„[…] die fangen schon sechs Monate vorher an zu üben im Chor, und der deutsche Text wird tatsächlich phonetisch eingeübt. Meine Mutter konnte das auch, die konnte gar kein Deutsch – aber die Neunte konnte sie. […] Die Japaner lieben es zu singen. Vielleicht kommt das vom Karaoke. Japaner gehen nach der Arbeit in eine Karaoke-Bar, um beim Singen Stress loszuwerden. Das gibt es in Deutschland so nicht.“

Hier das vollständige Interview:

Wer mehr über die Japan-Reise des WDR Sinfonieorchesters wissen möchte, kann dem Orchester via Facebook folgen und/oder die WDR-3-Sendung TonArt hören (wochentäglich 15:05-17:45 Uhr), die über die Konzertreise berichten wird.

Sayonara, WDRSO! Gute Reise und viele schöne Konzerte!

  1. Das WDR Sinfonieorchester auf Konzertreise Heimspiel in Japan []

Scharren und Fingertrommeln: wie im Orchester applaudiert wird

Applaudierendes Publikum
Applaudierendes Publikum | Quelle: Wikimedia Commons

Der Applaus während und nach Sinfoniekonzerten ist ein beliebtes Thema. Im Blog von Orchestrasfan ging es erst kürzlich in der Kolumne der Kulissenmaus: Applaus darum, wie unterschiedlich das Publikum hierzulande und anderswo nach einem Konzert applaudiert. Der Geiger Daniel Hope schrieb dazu auch bereits einen Artikel (Klatsch-Kulturen: Andere Länder, anderer Applaus) und sogar ein ganzes Buch (Wann darf ich klatschen1 ).

Im Sinfoniekonzert applaudiert am Ende aber nicht nur das Publikum. Wer mal auf einem Platz hinter dem Orchester sitzt und gut aufpasst, kann erkennen, dass die Musikerinnen und Musiker im Orchester sich während des Konzerts auch gegenseitig applaudieren, wenn jemandem eine Solostelle schön gelungen ist.

Lautloses Bravo zwischendurch

Bei den Bläserinnen und Bläsern wird dann zum Beispiel „gescharrt“. Je nachdem, ob anschließend eine laute oder leise Stelle kommt, wird kurz, schnell und leise mit einem Fuß über den Boden geschabt oder, wenn selbst das zu laut wäre, ein Bein angehoben und mit dem Fuß gewackelt. Wenn die Applaudierenden selbst weiterspielen müssen und dennoch „Beifall klatschen“ möchten, entfällt das Wackeln mit dem Fuß und es wird nur rasch das Bein gehoben [kein Wortwitz intendiert ;-)]. Eine andere Variante des lautlosen Applaudierens ist, mit den Fingern einer Hand aufs Knie zu trommeln.

Schlussapplaus des Orchesters

Zum Schluss eines Instrumentalkonzerts und am Ende des gesamten Konzerts applaudiert das Orchester oft auch „offiziell“. Wenn es SolistInnen und DirigentInen Beifall spenden möchte, schlagen die Streicherinnen und Streicher symbolisch mit ihren Bögen auf die vor ihnen stehenden Pulte. Damit diese keinen Schaden nehmen, wird aber kurz vor der tatsächlichen Berührung gestoppt. Hornisten applaudieren, indem sie ihr Horn mit dem Schalltrichter nach oben drehen und mit einer Hand (ebenfalls symbolisch) auf den Trichter schlagen. Die übrigen Kolleginnen und Kollegen applaudieren meist „manuell“, genau wie das Publikum.

 „Mit einer Hand kannst du nicht applaudieren“, heißt es in Japan – im Orchester geht es daher mit Fingern, Bein und Fuß.

  1. Daniel Hope, Wann darf ich klatschen?, 2010 []